Es ist, als hätten alle verharrt in ihren Häusern, es lag eine große Stille über unserer Gegend. Nicht unangenehm, aber still war es. Kaum Autos auf den Straßen, alle Geschäfte geschlossen, selbst die Eisdielen und Take Aways. Statt Menschen sah man in jedem Fenster und auf vielen Fahrersitzen der Autos Teddys als Zeichen an andere Kinder, ass man selbst auch zu Hause beibt. Ich habe derweil einige kurze Filme gedreht, die nun auf dem Dokfilmfest München zu sehen sind, das dieses Jahr online veranstaltet wird, und unsere Nachbarin Anne hat uns ein 1000-teiliges Puzzle geschenkt, während Amanda einen Tag später mit einem „Neuseeland Monopoly“ vorbeikam. Da irgendwie aber fast jeden Tag die Sonne scheint und es tagsüber warm ist und wenn wir nicht gerade homeschooling or homewriting machen, kommen wir nur selten zum spielen, aber wenn, dann macht es großen Spaß.

„Stay at home, save lives.“ Diese Sätze blinkten einem leuchtend orange entgegen, auf, wenn wir mit dem Auto die Küstenstraße entlang fuhren, sie unterbrachen Sendungen im Fernsehen, sie hingen als Plakate am Supermarkt, sie klebten an jeder, wirklich an jeder Ampel. Unser älterer und sehr schräger Nachbar Steven meinte grinsend in seinem unverwechselbar neuseeländischem Humor: „I stay at home anyway, but now, it really does make sense, it is fanatstic, because while doing nothing I save lifes everyday.“ Steven übertreibt natürlich, denn am selben Tag habe ich ihn nachmittags verschmitzt in sich hinein grinsend in seinem Cabrio mit offenem Verdeck zum Strand fahren sehen. Wahrscheinlich hörte er Opernarien dabei…

Seit Montag jedoch ist alles anders. Denn seit Montag haben wir Level 3 und es ist, als hätte es ein Signal gegeben, ein Aufruf, alle sollten sofort ihre Häuser verlasen und sich ins, aufs und ans Wasser begeben, zum Wettkraulen, aufs StandUp Paddle, ins Kajak, aufs Surfboard, in die Dünen in den Sand. Die Neuseeländer gehen wieder ihren Lieblingsbeschäftigungen nach, auch Mountainbiken ist wieder erlaubt.

Für uns hat sich nicht so viel verändert, wir waren eh fast täglich am Strand oder am Fluss zum joggen, skaten oder inlinern, bloß, dass es nun nicht mehr ganz so still ist. Mittlerweile kennen wir so viele Menschen am Strand und in der Nachbarschaft, dass wir uns selten fortbewegen, ohne von jemandem angesprochen und in ein Gespräch vertieft zu werden. Und natürlich treffen wir unsere Nachbarn, Arne und Kati und ihre fast erwachsenen Kinder Emely und Lennard.

Arne und Kati

Hier die Vier in einem meiner Kurzfilme aus der Reihe zum Lockdown. (Arne lässt sich gerade einen Lockdownbart wachsen, den er erst abnimmt, wenn wir Level 1 haben… https://vimeo.com/409756128

Während des Lockdowns waren wir natürlich auch nicht untätig und haben gebacken – für unsere regelmäßigen gemeinsamen „Kinoabende“ mit neuseeländischen Filmen, die wir dann meist zu Siebt nebenan geguckt haben – wenn wir nicht gerade Scharade spielen oder Tischtennis oder Geburtstag zusammen feiern.

Während die fünf Wochen während des Lockdowns die Zeit im Nachhinein schnell verging, weil wir unseren Alltag hatten und die Tage sich in gewisser Weise ähnelten, zumindest vom Ablauf her, in angenehmer, entspannter Weise zwar, aber auch ohne große Aufregung, so kommen uns die vorherigen Monate in Neuseeland viel länger vor. Als seien wir schon mehr als ein halbes Jahr hier. Wissenschaftler erklären das Phänomen so, dass, wenn man viel Neues erlebt, neue Menschen kennenlernt und sich in unbekannte Gefilde begibt, die Zeit in dem Augenblick zwar fliegt und man total abtaucht in das Geschehen, aber im Nachhinein kommt es einem so vor, als seien Wochen vergangen, eine kleine, herrlich lange Ewigkeit, obwohl es in Wirklichkeit nur eine Woche war. Die zeit dehnt sich also aus, vergeht langsamer, je mehr man erlebt.

Dieses herrliche Zeitgefühl, dieser Zeitgewinn quasi, wird sich nun fortsetzen, denn wir wollen noch einmal über die Südinsel reisen bevor wir abfliegen. Wenn wir fliegen, aber derzeit spricht nichts dagegen. Außer, dass wir dann in eine Welt kommen, die derzeit nicht ganz so angenehm ist wie hier. Antonia und Helen waren heute ganz entsetzt: „Was? Nur noch drei Wochen sind wir hier? So kurz nur noch? dann geht es schon nach Hause?“ Der Abschied wird hart werden, das wissen wir jetzt schon. Wir haben Freunde hier gefunden, und allein diese Menschen zu verlassen, wird sehr schwer werden. Und die Freiheit, die wir hier haben. Aber – noch ist es ja zum Glück nicht so weit.

Da nun auch wieder die Waschanlagen geöffnet haben, haben wir heute händisch unser Auto gesäubert. Blitzblank ist es jetzt und sieht fast aus wie neu. Eine nasse und sehr spaßige, vor allem erfolgreiche Angelegenheit. Arne wird das Auto nach unserer Abreise verkaufen und so konnte ich es am Strand mit Palmen im Hintergrund schonmal von seiner besten Seite für „trade me“ ablichten.

Unser Auto ist nun auch „Virensauber“. Passend zu Neuseeland, denn diese beiden abgelegenen Inseln mitten im Pazifik sind gerade auf bestem Wege, das Coronavirus erfolgreich auszumerzen und wirken deshalb umso paradisischer. Ich darf also noch ein bisschen länger tagsüber dem Tui zuhören und abends dem Weka und den Grillen. Und sofern wir nicht unterwegs angehalten werden, weil man noch nicht weit reisen soll, freue ich mich auf türkisfarbenen Seen, Gletscher, die raue Westküste und die Leere, auf ein Neuseeland ohne Touristen. Auf eine intensive Zeit voller neuer Eindrücke und Abenteuer, die uns im Nachhinein sicher wieder endlos vorkommen wird, obwohl sie doch eigentlich fliegt. Und Antonia darauf, endlich ihre neue Mütze aufsetzen zu dürfen – in den Alpen, bei den Gletschern…

2 Antworten auf „Eine neue Zeit

  1. Klingt total paradiesisch, Bettina! Warum könnt IHr denn nicht noch bleiben? Hier ist absolut nicihts los. Die Schulen sind dicht, ebenso wie Cafés und Restaurants. Der Spaßfaktor ist in Hamburg auf 5 von 100%. Ihr seid dort sicher, hier fängt die Krise gerade erst an. Und alle sind sie überrascht. Man fragt sich wirklich, ob in längeren Zeiträumen als ein Tat auf den anderen gedacht wird. Genießt die Zeit und lasst es Euch gut ergehen! Herzliche Grüße aus Hoheluft Ost! Tom Wetphal

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    1. Lieber Tom, ja, es ist sehr merkwürdig, evtl. bald zurückzukehren, viele Freunde raten uns tatsächlich davon ab. Die Schulen machen zwar partiell wieder auf in HH, aber die Stimmung soll gerade kippen. Hier das genaue Gegenteil: Alle happy, nicht nur am Strand zu sein, sondern auch wieder aufs und ins Wasser zu dürfen und ach, die Natur, das Licht, die Weite, der breite Strand – das alles tut gut! Zu Hause wartet immerhin die Datsche und die Ostsee (als Datschenbesitzerin darf ich wohl dort wieder hin, hörte ich) und in HH die Freunde, die man zumindest mit Abstand sehen darf (hier hat man ja seine bubble und darf sich sogar, hui, umarmen!). Ich würde mich sehr freuen, Dich nach der Rückkehr in einem der dann vielleicht wieder geöffneten Cafes oder sonstwo draußen in HH zu treffen. Herzlich, Bettina

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