Das Toastbrot ist wieder da. Ein wenig Normalität kehrt zurück, nach der dritten Woche Lockdown in Neuseeland. Und es sieht so aus, als würden die Regeln demnächst gelockert werden, denn die Zahlen insgesamt sind stabil und im Umkreis on 100km von uns gibt es keine weiteren Fälle mehr. Wir haben uns allerdings schon fast an den Zustand gewöhnt: homeschooling und Zoom-Konferenzen statt klassischem Schulunterricht, geschlossene Geschäfte, leere Straßen und Strände, zwei Meter Abstand in der Warteschlange vorm Supermarkt, einzeln eintreten, sich vor und hinterher desinfizieren, den Einkaufswagen an die Seite schieben, wo er ebenfalls desinfiziert wird, an all die Dinge des Alltags, die anfangs so merkwürdig erschienen und plötzlich erschreckend normal geworden sind. Vor allem haben wir uns an das Leben in unserer kleinen bubble gewöhnt, an unsere fast täglichen Treffen mit unseren Nachbarn, die inzwischen zu Freunden geworden sind und die wir am liebsten mit nach Hamburg nehmen würden. Sie haben Antonia und Helen ein Keyboard rübergebracht, das vor allem Antonia oft nutzt und ihnen Inliner geliehen, mit denen sie oft fahren. Wir treffen uns zum Filme gucken, zum Kochen, Tischtennisspielen und Scharade. Daran erkenne ich, dass Antonias Englisch inzwischen besser ist als meins, denn während sie fast jeden der englischen Begriffe des charades Spiels sofort weiß, muss ich oft erstmal überlegen…was hieß dieses Wort noch gleich? Auch Helen weiß mittlerweile viele Begriffe, bei denen sich bei mir ein Fragezeichen auftut und spricht das neuseeländische Englisch mit perfektem Akzent – trotz derzeitigem Schulausfall. Wir machen also homeschooling, und das in vierfacher Hinsicht. Für die beiden neuseeländischen Schulen mittels Internet und Apps und für die beiden deutschen Schulen ebenfalls per Internet aber auch mit Hilfe der Unterlagen und Bücher, die wir in einem extra Rucksack mitgenommen haben. Da es immer noch sehr warm ist, sind wir oft am Strand und nehmen einige der Schulsachen mit.

Wir dürfen uns in der bubble treffen und wir dürfen jederzeit raus, das heißt in unserem Fall, an den Maitai River, dessen natürliche Uferwege sich weit in die Berge winden, über Holzbrücken, an Wasserlöchern vorbei, einigen baches und später durch bewaldetes Gebiet die Berge hinaufführt. Eine sehr schöne Alternative zum Joggen am Strand.

Am Maitai River/Nelson

Ansonsten bin ich am liebsten am Strand. Der jeden Tag, wirklich jeden Tag anders ist. Aufgrund des Lichts, der Gezeiten, des täglich neuen Strandguts, der Wolkenbildung. Am Strand filme ich derzeit gern und häufig für ein gemeinschaftliches Corona Filmprojekt, und auch sonst zieht es mich immer wieder dorthin.

Die Menschen, die den Strand so wie wir fast täglich besuchen, grüßen uns mittlerweile. Mit einem von ihnen haben wir uns angefreundet. Alistair, einem Architekten und Baumeister aus Nelson. Ihn habe ich für ein Filmprojekt interviewt und die Mädchen haben ihn portraitiert. „I look like Jesus“, meinte er lachend.

Alistair aus Nelson

Wenn wir nicht am Strand sind, sind wir alle anderen auch zu Hause. Und staunen immer wieder über den Himmel, der vielleicht aufgrund der Nähe zum Südpol so besonders intensive Farbe hervorbringt.

Herbsthimmel

Zum Trost für andere Kinder, die zu Hause bleiben und nicht zur Schule gehen derzeit, haben Neuseeländer Teddies in ihre Fenster oder Autos gesetzt als Zeichen: Ihr seid nicht alleine, wir sind auch hier.

Eigentlich wollten wir Ostermontag zu unserer Reise über die Südinsel aufbrechen, doch die ist wegen des Lockdowns verschoben worden. Also haben wir zu Hause einen Hefezopf gebacken und geguckt, ob der Easterbunny da war, der hier sogar auf der Agenda der Regierungsdebatte stand (Wird der Bunny kommen können – trotz des Lockdowns? Und wenn ja, wie macht er das?) Jacinda Ardem hatte dazu sogar eine öffentliche Erklärung vorbereitet) und tatsächlich, der Easterbunny kam! Wir haben in unserem Garten gesucht – und gefunden, woraufhin Helen ihre Beute sofort markiert und verteidigt hat…

Wir werden also etwas später über die Südinsel reisen, unter anderem ins ungewohnt touristenleere Queenstown, denn Touristen sind kaum noch hier. Ein paar Gestrandete harren noch auf Campgrounds oder in einem der Backpacker aus. Wir wollten sowieso erst im Mai zurück, doch auch unser Flug zurück nach Hamburg ist gecancelt und wir wissen nicht, wann wir zurück sein werden. Wir passen uns an an die Gegebenheiten an und nehmen die Dinge so, wie sie eben kommen. Es kommt uns eh gerade vor, als seien wir schon ein halbes Jahr hier, denn jeder Tag ist anders, jeder Tag neu, jeden Tag lernen, erleben wir etwas Neues. Allein schon aufgrund der gewaltigen Natur. Heute zum Beispiel staunte wir nicht schlecht, denn alle Gipfel, die uns umgeben, die Ausläufer der Southern Alps, sind von einer weißen Schneehaube bedeckt! Ein fantastischer Anblick; im Vordergrund der breite Strand mit dem türkisfarbenen Meer, im Hintergrund die schneebedeckten Berge. – Es gibt derzeit wahrlich schlimmere Orte, um einen Lockdown zu erleben.

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